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Weltcup Yucatán

12.08.2017

Hitzeschlacht in Mexiko

Zum ersten internationalen Wettkampf der Saison musste ich sofort eine lange Reise antreten. Von Frankfurt aus ging es über Houston nach Merida im mexikanischen Bundesstaat Yucatán. Von dort war es nur noch ein kurze Autofahrt zum Wettkampfort Progreso am Strand des Golfes von Mexiko. Auch wenn ich mich natürlich erinnere, wie heiss es in Mexiko sein kann, ist es doch immer wieder ein Schock, wenn man aus dem klimatisierten Flughafen heraus kommt und von der Hitze erschlagen wird. Die Temperaturen stiegen bis auf 36°C, was das ganze aber unerträglich macht, ist die hohe Luftfeuchtigkeit. Einmal wurden unglaubliche 95% Luftfeuchtigkeit gemessen. Vor dem Wettkampf galt es, möglichst wenig der Hitze ausgesetzt zu sein um nicht allzu viele Mineralien und Kraft durch das Schwitzen zu verlieren. Selbst wenn man früh am morgen gelaufen ist, kam man zurück, als wäre man mit der Kleidung im Meer geschwommen. Zusätzlich musste ich noch den Jetlag von sieben Stunden überwinden, denn der Wettkampf fand nach deutscher Zeit um Mitternacht statt, wo der Körper normalerweise nicht mehr fit ist.

Für den Wettkampf habe ich mir dann meine Taktik überlegt. Obwohl der Kurs komplett flach war, war er dennoch relativ anspruchsvoll. Das Meer war wellig, was oft dazu führt, dass sich das Feld mehr auseinander zieht oder es sogar irgendwo reißt. Zudem war es auf den ersten 70m so flach, dass man nicht schwimmen konnte, sondern Delphin-Sprünge machen musste. Das ist zwar schneller als Schwimmen, lässt aber auch extrem das Laktat in den ganzen Körper schiessen, was dazu führt, dass viele danach gar nicht mehr schnell schwimmen können. Die Radstrecke hatte auf ihren 5km ca. 4,5km sehr schlechten Belag. Entweder Pflastersteine oder ganz schlechter Asphalt mit vielen Schlaglöchern. Dazu kamen noch einige Kurven. Durch den schlechten Belag und die vielen Kurven kann man auch im Windschatten nicht so viel profitieren, wie man es auf einer geraden, gut geteerten Strecke könnte. Im Umkehrschluss kann ich auf solchen Strecken also mehr von meiner Stärke auf dem Rad profitieren, denn alle kommen mit schweren Beinen in die zweite Wechselzone. Für den Lauf bei solch extremen klimatischen Bedingungen gilt vor allem, dass man die Ruhe bewahren und sich das Rennen extrem gut einteilen muss. Es gibt einen Punkt, wenn der Körper sich über diese Schwelle erhitzt, dann hören die Muskeln auf, sinnvoll zu funktionieren. Und wer einmal über diesen Punkt hinaus ist, wird so schnell nicht mehr abkühlen. Oftmals laufen einem am Anfang Athleten weg, die man dann gegen Ende locker überholt, weil sie überhitzt haben. Zum Glück hatte ich die Erfahrung bereits aus den letzten beiden Jahren, in denen ich jeweils in Huatulco in Mexiko ähnlichen klimatischen Bedingungen ausgesetzt war. Am Tag vor dem Wettkampf haben die Kampfrichter auch noch überlegt, ob sie die Wettkampfdistanzen eventuell noch von einem Sprint (750/20/5) auf einen Supersprint (500/13/3) verkürzen, weil sie Angst um die Gesundheit der Athleten hatten. Bei einer Wassertemperatur von über 30°C hätte das gegriffen. Am Wettkampftag waren es dann aber zum Glück 29°C. Eine noch kürzere Strecke hätte mir wohl eher nicht gelegen, da ich mit extremen Bedingungen und schweren Kursen oft gut zurecht komme.

Beim Schwimmstart war ich dann gleich mal etwas zu motiviert und bin leider einen Sekundenbruchteil zu früh gestartet, was eine zehnsekündige Zeitstrafe in der ersten Wechselzone bedeutet. Ansonsten bin ich durch die Delphinsprünge sehr gut weg gekommen. Ich konnte mich sehr schnell an die Füsse des schnellsten Schwimmers haften und von da an war es eigentlich sehr locker. Ich hatte mir das viel anstrengender vorgestellt bei all den Wellen. Aber wahrscheinlich war ich halt einfach auch gut drauf. Aus dem Wasser bin ich als dritter gestiegen. Leider wusste ich natürlich noch nichts von der Zeitstrafe, so dass ich dann negativ überrascht war, als ich den Kampfrichter an meinem Wechselplatz sah. Zehn Sekunden warten sind dann schon extrem lange, wenn man bedenkt, dass der Wechsel an sich nur ein bis zwei Sekunden dauert.

Anstatt direkt an der Spitze konnte ich also erst ca. an Position 15 auf das Rad steigen. Es gab auch schon eine kleine Lücke zu der Gruppe vor mir. Also habe ich einfach das gemacht, was ich am liebsten mache, und bin den ersten Kilometer absolut voll gefahren. Da kommt schon mal ein Schnitt von über 500 Watt zustande. Ich habe es dann noch in die Gruppe geschafft, ansonsten nur noch einer, der sich bei mir in den Windschatten gehängt hat. Dahinter sind alle in die nächste Gruppe zurückgefallen. Als ich dann in der Gruppe war, habe ich sofort gesehen dass hinter uns die Lücke war. Eine perfekte Situation, die man nur noch nutzen muss. Denn hinter uns waren noch viele gute Läufer. Also bin ich direkt an die Spitze der 10-köpfigen Gruppe gefahren, um Tempoarbeit zu verrichten. Das Abwechseln lief zwar nicht extrem gut, aber immerhin gab es zwei Japaner, einen Kanadier und einen "Barbadosianer", die Willens waren, sich mit mir in der Arbeit abzuwechseln. Vorneweg waren noch fünf Athleten, von denen aber drei relativ schnell zu uns zurück fielen. Die anderen beiden fuhren dann ein einsames Rennen an der Spitze mit nie mehr als 25 Sekunden Rückstand. Diesen Rückstand sollte man dann beim Laufen aufholen können. Denn die Arbeit zu zweit ist schon viel härter als zu fünft in unserer Gruppe. Durch den schlechten Belag auf der Strasse war es ein ziemliches Rumgerüttel, ich hatte aber einen entscheidenden Vorteil. Da ich mit den ONE Pro Tubeless Reifen von Schwalbe fahre, kann ich mit gerade einmal 5-7 bar aber trotzdem besseren Rolleigenschaften als Schlauchreifen fahren. Schlauchreifen sind normal mit 10-15 bar gefüllt. Mit meinem geringen Druck kann ich deswegen viel komfortabler über die Unebenheiten gleiten und ich habe auch in den Kurven eine viel bessere Haftung. Das wirkt sich dann schon aus, weil viel weniger von der Leistung verloren geht, die man in die Pedale tritt. Da die ersten beiden Rennen der Saison auf total langweiligen Radstrecken ausgetragen wurden, konnte ich jetzt auch zum ersten Mal so richtig auskosten, warum mein Rad das beste ist, was man auf dem Markt bekommt. Das Gewicht von 6kg gepaart mit einer unglaublichen Steifigkeit macht mein VIAL Evo Race von Benotti (Handmade by Ax-Lightness in Germany) zu einem Monster in den Kurven. Ich habe richtig gemerkt, wie mein Rad einfach wie ein Fels auf der Strasse lag, während die anderen eher Probleme hatten, ihres in den Kurven zu bändigen. Ein riesiges Dankeschön hier schon mal an meine Ausrüster, die mir da richtig weiterhelfen. In der letzten von vier Radrunden habe ich dann auch noch ein paar mal die Führung ausgelassen um mich etwas zu sammeln fürs Laufen und bin im vorderen Drittel unserer kleinen Gruppe abgestiegen.

Nach einem schnellen Wechsel war ich sofort in der Spitze unserer Gruppe und es war für mich noch nicht sehr hart. Das hat mich schon sehr gefreut, denn wenn ich da mit den fünf, sechs anderen Athleten einfach mitgelaufen wäre, wäre eine Top 10 drin gewesen. Das wäre schon mehr gewesen, als ich mir erhofft habe. Also bin ich da einfach mal mitgelaufen. Dabei habe ich gar nicht gemerkt, dass nach und nach die Athleten hinter mir abgeplatzt sind. Nach einer Runde bin ich dann nur noch mit Kevin McDowell aus den USA und einem Mexikaner zusammen gelaufen. Der spätere Sieger und Zweitplatzierte waren bereits enteilt. Ich war immer noch sehr entspannt und freudig, dass ich mir schon ziemlich sicher einen Platz unter den besten 6-7 gesichert hatte. 500m vor dem Ziel sind die ersten vier alle in ca. 15m Abstand gelaufen, ich dahinter mit dem Mexikaner. Dort habe ich den Sprint angezogen und konnte mich sofort von ihm lösen. Fünfter Platz sicher. Dann kam ich immer näher an Kevin McDowell heran. Ich habe noch kurz überlegt, ob ich erst mal hinterher laufen sollte, habe mich aber dafür entschieden, das Überraschungs-Momentum zu nutzen und sofort weiter vorbeizugehen. Vierter Platz. Natürlich war ich zu dem Zeitpunkt schon komplett voller Laktat und total überhitzt. Aber egal, einfach alles geben. Ich hatte mein Wunschergebnis ja schon längst erreicht. Dann kam auch noch der Japaner auf Platz drei immer näher. Mit dem hatte ich bereits letztes Jahr in Montreal beim Weltcup die gleiche Situation. Daher wusste ich, dass er hintenraus eher nachlässt und nicht viel gegen einen Sprint zu setzen hat. Also mit letzter Kraft auch noch an ihm vorbei und aufs Podium. Der zweite Platz war dann noch zehn Meter vor mir, das konnte ich nicht mehr schaffen, auch wenn ich die grössere Endgeschwindigkeit hatte. Also lautete das Endergebnis: 1. Irving Perez (MEX/54:56min) 2. César Saracho (MEX/+0:06) 3. Ich (+0:08) 4. Jumpei Furuya (JPN/+0:10) 5. Kevin McDowell (USA/+0:14).

Nach dem Zieleinlauf musste ich noch eine Zeit lang um meinen dritten Platz bangen, weil Kevin eine unberechtigte Zeitstrafe bekommen hatte, die er während des Laufens abgesessen hatte. Eine total blöde Situation, weil man nicht sagen kann, was gewesen wäre, hätte er sie nicht absitzen müssen. Obwohl die Schuld bei den Kampfrichtern lag, konnten sie daran nichts mehr ändern (siehe auch hier: Facebook Post).

Ich bin mit meinem 3. Platz natürlich überglücklich. Gleich im ersten internationalen Rennen so ein Ergebnis rauszuhauen, ist einfach toll. Besonders nach der harten Zeit dieses Jahr, in der mir mein Verband nur Probleme bereitet hat und mich eigentlich gar nicht starten lassen wollte. Dieser Erfolg steht im totalen Widerspruch zum Konzept des Verbandes. Ich bin ohne grosses Team mit Vorbereitungswettkampf einfach mal locker nach Mexiko geflogen und habe mich gefreut, gegen die Freunde von überall auf der Welt im Wettkampf anzutreten und sich danach wieder blendend zu verstehen. Ich liebe diese Weltcup-Reisen einfach. Nach einigen Tagen mit halbgarem Training und Sightseeing in Yucatán ging es dann von Mittwoch auf Freitag zurück nach Deutschland, wo am Sonntag der nächste Bundesliga Wettkampf ansteht. Die Vorbereitung mit Hitze und Jetlag ist sicherlich total ungeeignet, ich habe also nichts zu verlieren...


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